Lena Seifert
Die heutige Menschheit steht vor großen Herausforderungen: große Teile der Bevölkerung leiden unter Hunger und Armut, das ungebremste Bevölkerungswachstum lässt Ressourcen knapp wer-den, der Klimawandel erfordert Anpassung und Änderung der bisher üblichen Lebensweisen. Dar-aus ergibt sich die Notwendigkeit, das Prinzip der Nachhaltigkeit mit seinen drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales fest im Handeln und Denken der Menschheit zu verankern. Im Jahr 2015 stellten die Vereinten Nationen eine weltweite Agenda in Form der 17 Sustainable Development Goals (kurz: SDG) auf (DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION A 2017). Sie sind eine überarbeitete Form der vorher geltenden Millennium Development Goals mit dem Ziel, das Leben auf der Erde lebens-wert und nachhaltig zu gestalten, Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen und eine be-stimmte Lebensqualität zu etablieren.
Es gibt bereits Orte auf der Welt, an denen eine nachhaltige Entwicklung vorgesehen und vorange-trieben wird: die Biosphärenreservate. Als Modellregionen für das Zusammenleben von Mensch und Natur erproben sie neue Konzepte und Strategien, die übertragen auf andere Regionen helfen kön-nen, z. B. dem Klimawandel zu begegnen. Zu ihren Aufgaben gehört ebenfalls, Wissen und Erfah-rungen im Umgang mit der Natur oder Fragen der nachhaltigen Entwicklung weiterzugeben. Inso-fern sind Biosphärenreservate eng mit den SDGs der UN verbunden.
SDG 4 sagt aus, dass „für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung so-wie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen“ (ebd.) sicherzustellen sind. Einerseits ist Bildung der Schlüssel zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben. Andererseits ist hochwertige Bildung eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung aller SDGs (ebd.) und damit für eine Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, die alle drei Säulen der Nachhaltigkeit vereint.
Das SDG 4 ist in diverse Unterziele gegliedert, die die verschiedenen Stufen einer lebenslangen Bildung abdecken und Chancengleichheit fordern (DIE BUNDESREGIERUNG 2016). Besonders inte-ressant im Hinblick auf Biosphärenreservate ist das Unterziel 4.7 Bildung für nachhaltige Entwick-lung (kurz: BNE). Im Rahmen dessen soll jeder „Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die erforder-lich sind für die Förderung von nachhaltiger Entwicklung“ (DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION B 2017). Das Verständnis, eigene Handlungen hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die Welt zu verstehen sowie aufgrund dessen verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, soll ebenso durch BNE er-reicht werden wie die Kompetenz zur Gestaltung des eigenen Umfelds; weiterhin werden durch BNE die Fähigkeit zu Innovation und Partizipation sowie ein besseres Demokratieverständnis erreicht (DIE BUNDESREGIERUNG 2016).
Biosphärenreservate gelten als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung und sollen nachhaltige Wirtschafts- und Lebensformen stärken; da dies ohne BNE nicht möglich ist, gehört BNE weltweit zu den Kernaufgaben von Biosphärenreservaten (DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION C 2017). Jedes Biosphärenreservat ist einzigartig und versucht, angepasst an die regionalen und lokalen Gegeben-heiten, Lösungsansätze für ein nachhaltiges Miteinander von Mensch und Natur zu erarbeiten und umzusetzen. Gleichzeitig sind Biosphärenreservate Teil eines Weltnetzes der Organisation der Ver-einten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (kurz: UNESCO), das ihnen ermöglicht, über-regionale und globale Zusammenhänge zu erkennen und Nachhaltigkeit als globale Entwicklungs-herausforderung zu verstehen, die von lokalem Handeln bestimmt wird. BNE soll den Menschen einen Zugang zu den komplexen Fragen regionaler und globaler nachhaltiger Entwicklung geben (MAB-NATIONALKOMITEE 2014). Wo kann dies erfolgversprechender stattfinden als in Biosphärenre-servaten, den Schnittstellen von Regionalität/Lokalität und Globalität?
Biosphärenreservate gehören nicht zur formellen Bildungslandschaft mit ihren festgelegten und oft starren Strukturen, sondern können als informeller Lernort ein breiteres Spektrum an Themen und Methoden anbieten. Hierin liegt eine große Chance zur erfolgreichen Umsetzung von BNE in Bio-sphärenreservaten, zumal das informelle Lernen 60-70% der Lernprozesse des Menschen im Alltag ausmacht und somit ein entscheidender Bildungsfaktor ist (DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION D 2017).
Ein zentraler Punkt für eine erfolgreiche BNE besteht in der Vernetzung der Akteure untereinander (DIE BUNDESREGIERUNG 2016). In Biosphärenreservaten bieten sich Kooperationen sowohl mit schulischen (z. B. Schulen, Kindergärten, Hochschulen) als auch außerschulischen Bildungseinrich-tungen (z. B. Vereine, Verbände, Betriebe) an. Durch gemeinsame Konzeptentwicklung und ent-sprechende Qualifikation von Personal kann so die ganze Region am Prozess der BNE teilhaben und mitwirken.
Wird BNE auf diese Weise ein fester Bestandteil des Biosphärenreservates und seiner Bewohner, gibt das den Menschen die Fähigkeit, eigenverantwortlich und nachhaltig an der Gestaltung ihrer Umwelt, insbesondere der Modellregion Biosphärenreservat, teilzunehmen.
Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (kurz: BR SC) existieren einige Beispiele einer gelunge-nen BNE. Das vom NABU betriebene Informationszentrum „Blumberger Mühle“ hat zum Ziel, insbe-sondere bei Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt zu fördern und neben ökologischen auch über ökonomische und soziale Systeme zu informieren (NABU 2017). Im dort durchgeführten Projekt „Der Wald und ich“ lernen Schüler das Biosphärenreservat und seine Natur kennen. In einem Rollenspiel vertreten sie dann Ansichten unterschiedlicher Inte-ressengruppen (z. B. Bauunternehmer, Naturschützer, Waldbesitzer). Dadurch wird an bestehende Konflikte im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung herangeführt. Gleichzeitig wird der Umgang mit einer solchen Problemsituation durch Partizipation und gewaltfreie Auseinandersetzung erlernt (KRUSE-GRAUMANN 2007).
Das BR SC ist außerdem Initiator und Partner eines noch recht jungen Bildungsprojektes, des so-larbetriebenen Forschungsschiffes Solar Explorer auf dem Werbellinsee (KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. A 2017). Auf Forschungsfahrten können alle Altersgruppen von Kitakindern über Oberschüler bis zu Erwachsenen neben den Themen Biodiversität und Lebensraum Wasser auch viel über regenerative Energien erfahren und eigene Experimente durchführen (KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. B 2017). Für die vielen zukunftsweisenden Möglichkeiten, die durch die Nutzung von Sonnenenergie enstehen, ist die Solar Explorer selbst das beste Beispiel (KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. C 2017). Das Projekt wurde 2015 durch den Rat für nachhaltige Entwicklung als Werkstatt N Projekt ausgezeichnet (KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. D 2017).
Zusammenfassend haben Biosphärenreservate als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung das Potenzial, einen sehr wichtigen und hochwertigen Beitrag zum SDG 4, insbesondere zum Unterziel 4.7 zu leisten. Dies trifft besonders auf das Unterziel 4.7 Bildung für nachhaltige Entwicklung zu. Das Beispiel BR SC zeigt, dass die Aufgabe BNE angenommen und umgesetzt wird.
Doch trotz ihrer guten Voraussetzungen für die Vermittlung von BNE können Biosphärenreservate diese große Aufgabe nicht alleine erfüllen. Häufig fehlen Personal und Geld, um den Bildungsauftrag BNE umfassend zu erfüllen. Deshalb sollte BNE auch in den Lehrplänen sowie im Schulalltag ver-ankert werden. Doch dafür müssten sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern und die nachhaltige Entwicklung in den Fokus nehmen (DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION C 2017).
DIE BUNDESREGIERUNG (Hrsg.), 2016: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Druck- und Verlagshaus Zarbock GmbH & Co. KG, Frankfurt am Main: 260 S.
DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION A (Hrsg.), 2017: Einfluss der Bildung auf die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele. Online in Internet: https://www.unesco.de/bildung/bildung-2030/bildung-und-sdgs.html [Stand 19.11.17]
DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION B (Hrsg.), 2017: Bildung für nachhaltige Entwicklung. Online in Internet: https://www.unesco.de/bildung/bne.html [Stand 19.11.17]
DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION C (Hrsg.), 2017: Bildung für Nachhaltige Entwicklung in UNE-SCO-Biosphärenreservaten - Ergebnisse eines gemeinsamen Workshops von DUK und EURO-PARC Deutschland. Online in Internet: https://www.unesco.de/wissenschaft/2017/bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung-in-unesco-biosphaerenreservaten.html [Stand 19.11.17]
DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION D (Hrsg.), 2017: UNESCO-Weltaktionsprogramm: Bildung für nachhaltige Entwicklung – Was ist BNE? Online in Internet: http://www.bne-portal.de/de/einstieg [Stand 19.11.17]
KRUSE-GRAUMANN, L., 2007: Bildung für nachhaltige Entwicklung in deutschen Biosphärenreserva-ten. - UNESCO heute 2/2007: 23-27. Online in Internet: https://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/unesco-heute/uh2-07-kruse.pdf [Stand 08.11.17]
KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. (Hrsg.) A, 2017: Unsere Partner und Förderer. Online in In-ternet: http://www.solar-explorer.de/unser-netzwerk/ [Stand 03.12.17]
KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. (Hrsg.) B, 2017: Fahren und Forschen – Unsere Angebote. Online in Internet: http://www.solar-explorer.de/fahren-und-forschen/ [Stand 03.12.17]
KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. (Hrsg.) C, 2017: Erlebnis Solarschiff. Online in Internet: http://www.solar-explorer.de/erleben/ [Stand 03.12.17]
KULTURLANDSCHAFT UCKERMARK e. V. (Hrsg.) D, 2017: Das Forschungsschiff. Online in Internet: http://www.solar-explorer.de/ [Stand 03.12.17]
MAB-NATIONALKOMITEE (Hrsg.), 2014: Positionspapier des MAB-Nationalkomitees zu
Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in UNESCO-Biosphärenreservaten. Online in Internet: http://unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Wissenschaft/BNE_Positionspapier_NK_MAB.pdf [Stand 17.11.17]
NATURSCHUTZBUND DEUTSCHLAND (NABU) e.V. (Hrsg.), 2017: Unser Leitbild. Online in Internet: https://blumberger-muehle.nabu.de/wir-ueber-uns/leitbild/leitbild.html [Stand 03.12.17]