J. Kohse
Wir verzeichnen einen weltweiten Waldverlust von rund 13 Millionen Hektar pro Jahr (WWF 2011), 31,4% der weltweiten Fischbestände sind überfischt (FAO 2016) und 18.000 Menschen pro Tag sterben weltweit aufgrund von Luftverschmutzung (DGVN 2016). Trotz dieser enormen Umweltbelastung geht das Weltwirtschaftswachstum zurück (DGVN 2016). Vor diesem Hintergrund wird die Frage nach einer nachhaltigen Wirtschaft immer wichtiger. Erst dieses Jahr aktualisierte Deutschland seine Nachhaltigkeitsstrategie, um den 17 Nachhalhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) gerecht zu werden. Darunter fällt auch das 8. Ziel, die Schaffung guter Arbeitsplätze und eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums. Mit dem UNESCO Programm ‚Man and Biosphere‘ (MaB) soll in Biosphärenreservaten (BR) u.a. eben dieses Ziel erreicht werden (KRAUS et al. 2014). Das bedeutet, statt den Fokus auf gegenwärtige Gewinnmaximierung zu legen, soll in BR danach gehandelt werden, was langfristig ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll ist (HASENMÜLLER & SCHALTEGGER 2006 und NATTERMANN 2006). Inwieweit BR als Modellregionen einen Beitrag zur Erreichung des 8. UN-Ziels leisten können, wird im Folgenden beispielhaft dargelegt.
2004 ergab eine weltweite Umfrage der UNESCO-MAB-Arbeitsgruppe, dass es Defizite an wirtschaftlichen Aktivitäten in Biosphärenreservaten und ein Mangel an neuen, nachhaltigen Instrumenten in dortigen Unternehmen gibt (DRUCKREY 2004). Dies könnte daran gelegen haben, dass es kein bestimmtes, fehlerfreies Konzept gibt, welches auf alle Regionen erfolgreich angewandt werden kann. In BR geht es darum, Konzepte zu entwickeln, welche auf die spezifischen Stärken und Schwächen der jeweiligen Regionen angepasst sind. Dies ist ein langjähriger Prozess, besonders auch dadurch, dass die Bevölkerung bei der Konzeptentwicklung möglichst viel mit einbezogen wird. (GEHRLEIN et al 2007). Das Vorhandensein von Defiziten bedeutet demnach nicht, dass BR wirtschaftsschwach sind. Es weist jediglich darauf hin, in welchen Bereichen weitere Konzepte und Strategien entwickelt werden sollten. Besonders in den drei Bereichen Tourismus, Einzelhandel und Landwirtschaft gibt es in BR bereits erfolgreiche Lösungen, welche ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum unterstützen.
Tourismus ist oft eine wichtige ökonomische Basis in ländlich geprägten, strukturschwachen Räumen (NATTERMANN 2006). Um den Tourismus zu fördern, wird versucht, die Attraktivität der BR zu erhalten bzw. zu steigern (ebd.). Dies wird u.a. durch Naturschutzmaßnahmen, Besucherlenkung und Umweltbildung. erreicht. Gleichzeitig wird durch diese Maßnahmen zu einer intakten Natur beigetragen und somit nachhaltig gehandelt (ebd.). Durch die Integration anderer Wirtschaftsbereiche in den Naturtourismus, wie die Gastronomie, werden weitere Besucher angezogen und Arbeitsplätze können neu geschaffen bzw. erhalten werden (NATTERMANN 2006). ‚Erhalt‘ ist ein wichtiges Thema, denn in einer nachhaltigen Wirtschaft geht es nicht nur darum, neue, kurzfristige Arbeitsplätze zu schaffen. Es ist wichtig, die bereits Vorhandenen sowie die Zukünftigen dauerhaft oder zumindest langfristig zu sichern. Mit einem Wirtschaften, welches die Ressourcen schont und schützt, auf denen es beruht, entsteht eben diese Langfristigkeit (ebd.).
Auch Regionalmarken können nachhaltig zu einem Wirtschaftswachstum beitragen. Sie zeichnen sich durch umweltschonende Produktionsverfahren, nachhaltige Rohstoffe und hohe Qualitäts-standards aus, weshalb sie zu entsprechenden Preisen verkauft werden können (EUROPARC DEUTSCHLAND 2007). Wie erfolgreich das Konzept der Regionalmarken sein kann, wird verdeutlicht durch das Beispiel der Rhönschafe, dessen Fleisch typisch für die Rhöner Küche ist. Durch gezielte Förderung dieses regionalen Produktes hat sich die Anzahl der Rhönscharfe seit 1984 fast verhundertfacht, und dennoch kann die Nachfrage nicht gestillt werden (ebd.). Oft gibt es bereits an die Regionen angepasste traditionelle, regionaltypische Handwerke und Produkte, welche für die Kennzeichnung mit einer Regionalmarke in Frage kommen. Die Förderung dieser Handwerke und Produkte erhält schon bestehende Arbeitsplätze und bietet die Möglichkeit, die Kapazitäten an Arbeitskräften weiter auszubauen (NATTERMANN 2006).
Auch eine nachhaltige Landwirtschaft hat ökonomische Vorteile. Durch sie können zum einen brachliegende Flächen erschlossen werden, wodurch die Einkommensquellen erhöht werden (NATTERMANN 2006). Zum anderen gelten nachhaltig erzeugte landwirtschaftliche Produkte als qualitativ hochwertiger und können zu höheren Preisen verkauft werden, als die der konventionellen Landwirtschaft (EUROPARC DEUTSCHLAND 2007). Landwirtschaftliche Betriebe stellen zudem eine Besucherattraktion da. Durch die Vermietung von Ferienwohnungen und dem Anbieten von Freizeitaktivitäten auf Bauernhöfen, trägt die Landwirtschaft zum Tourismus und somit zusätzlich indirket zum Wirtschaftswachstum bei (NATTERMANN 2006).
Durch die Integration von innovativen Ansätzen können in allen Bereichen neue umweltrelevante Geschäftsfelder und Märkte erschlossen und neue zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen werden (NATTERMANN 2006). Beispiele hierfür sind regenerative Energien und der technische Umweltschutz (ebd.). Gleichzeitig kann durch Innovation und eine angepasste Landnutzung ein Beitrag zum Naturschutz geleistet werden (ebd.).
Nicht außer Acht zu lassen ist bei diesen Ansätzen die Übertragbarkeit auf andere Regionen, denn BR stellen Modellregionen dar. Das bedeutet, die in BR erarbeiteten Konzepte und Strategien sollten auch auf andere, ähnliche Regionen angewand werden können. Es fällt negativ auf, dass die modellhaften Ansätze der Biosphärenreservate hauptsächlich auf den Tourismusbereich und den primären Sektor, insbesondere auf die Land- und Forstwirtschaft, bezogen sind (NATTERMANN 2006). Zwar steht die gewerbliche Wirtschaft nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Umwelt, sie nimmt aber eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft ein und bietet große Spielräume im Hinblick auf Nachhaltigkeit (ebd.). Besondere Wichtigkeit bekommt das produzierende Gewerbe auch bei der Übertragbarkeit auf Städte. In diesen fällt der erste Sektor großteilig weg, weshalb die Einbeziehung des zweiten Sektors in die Verwirklichung nachhaltiger Wirtschaftsweisen dort unabdingbar ist. Im Rahmen der Recherche für die vorliegende Arbeit, konnten bezüglich des Dienstleistungssektors nur Konzepte und Strategien ausfindig gemacht werden, die auf einen nachhaltigen Tourismus abzielen. 2016 hatte der dritte Sektor einen Anteil von 68,9% an der Bruttowertschöpfung Deutschlands (STATISTA 2017) und spielte damit eine große wirtschaftliche Rolle. Vor dem Hintergrund der Schaffung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums und guten Arbeitsplätzen wäre es sinnvoll zu versuchen, den Dienstleistungssektor noch weiter auf Nachhaltigkeit auszurichten.
Besonders in den Bereichen des Tourismus, der Landwirtschaft und des Einzelhandels gibt es viele erfolgreiche Konzepte, die zur Schaffung von guten Arbeitsplätzen und einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum beitragen können. Das Ausmaß des Beitrages zur Erreichung dieses Ziels ist allerdings stark von der Übertragbarkeit der in den BR angewandten Konzepte auf andere Regionen abhängig. In Zukunft wird der Fokus stärker darauf gelegt werden müssen, mehr nachhaltige Konzepte und Strategien für den zweiten und dritten Wirtschaftssektor zu entwickeln, da diese eine große Rolle in der Wirtschaft und somit auch in der Erreichung des 8. UN-Nachhaltigkeitsziels spielen.
EUROPARC DEUTSCHLAND E.V., 2007: Modellregionen von Weltrang- UNESCO Biosphärenreservate. Berlin. Broschüre. 41 S.
GEHRLEIN, U., GRUNZKE, B., STEIMEL, K., KLINKHART, H., 2007: Strategien zur Förderung des nachhaltigen Wirtschaftens in Biosphärenreservaten. Frankfurt/Main. 109 S.
NATTERMANN, S., 2006: Nachhaltiges Wirtschaften im Biosphärenreservat Rhön- Evaluierung der wirtschaftlichen Impulse und Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Dissertation Universität Hohenheim, 120 S.
SCHALTEGGER, S., HASENMÜLLER, P., 2006: Nachhaltiges Wirtschaften aus Sicht des „Business Case of Sustainability“. In E. Tiemeyer & K. Wilbers [Hrsg.]: Berufliche Bildung für nachhaltiges Wirtschaften. Bielefeld: W. Bertelsmann
STATISTA, 2017: Anteil der Wirtschaftssektoren an der Bruttowertschöpfung in Deutschland im Jahr 2016. Online im Internet: URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36846/umfrage/anteil-der-wirtschaftsbereiche-am-bruttoinlandsprodukt/ [Stand 3.12.2017].
DRUCKREY, F. (2004): Umweltorientierte Unternehmensführung in der Industrie. In: Voller Leben.
Hrsg.: Deutsches MAB-Nationalkomitee. 1. Auflage. Berlin Heidelberg: Springer. S. 119–123
WORLD WILDLIFE FUND (WWF) DEUTSCHLAND, 2011: Die Wälder der Welt- ein Zustandsbericht. Berlin. 93 S.
FOOD AND AGRICULTURE ORGANIZATION OF THE UNITED NAIONS (FAO), 2016: The State of World Fisheries and Aquaculture. Rom. 200 S.
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR DIE VEREINTEN NATIONEN E.V. (DGVN), 2016: Handels- und Entwicklungsbericht 2016. Kurzbericht. Berlin. 32 S.
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR DIE VEREINTEN NATIONEN E.V. (DGVN), 2016: Bericht über die menschliche Entwicklung 2016. Kurzbericht. Berlin. 32 S.
KRAUS, F., MERLIN, C., JOB, H., 2014: Biosphere reserves and their contribution to sustainable development– Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 58: 164-180.