Schlagzeile: Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin verlangt Eintritt von Besuchern – bleibt die Naturerfahrung in Zukunft der Elite vorbehalten?

Moderator:
Guten Abend meine Damen und Herren,
in den letzten Tagen geriet das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin von Seiten der Bevölkerung und vor allem der Presse in heftige Kritik. Renommierte Zeitschriften wie der
Spiegel titelten zum Beispiel: „Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin verlangt Eintritt von
Besuchern – bleibt die Naturerfahrung in Zukunft der Elite vorbehalten?“
Grund für die Aufregung war eine Pressemitteilung mit dem das Biosphärenreservat vor
wenigen Tagen, nämlich am 24.7.2040 an die Öffentlichkeit ging in der sie erklärten, dass
Besucher in Zukunft 100 Euro Eintritt zahlen müssen, um das Biosphärenreservat betreten
zu dürfen. Grund dafür sei das seit Jahren steigende Besucheraufkommen. Das Biosphärenreservat
habe durch den Klimawandel, der steigenden Bevölkerungszahl und der damit
notwendigen Intensivierung der Landwirtschaft schon genug gelitten und müsse geschützt
werden.
Wir haben heute die Leiterin des Biosphärenreservats Frau Mehrabiy-Pari eingeladen, um
mit ihr über diesen Konflikt und auch über die Entwicklung des Biosphärenreservates in den
letzten Jahrzehnten zu sprechen.
Guten Abend Frau Mehrabiy-Pari, vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben,
um mit uns zu sprechen. Wie geht es Ihnen mit den ganzen negativen Schlagzeilen
rund um das Biosphärenreservat und können Sie den Unmut der Bevölkerung verstehen?“
Gast:
Guten Abend, und vielen Dank für die Einladung. Ich bedaure natürlich die negative Resonanz
die wir erfahren, aber ich kann es auch verstehen. Wir hätten es auch gerne anders
gehabt, aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir so handeln mussten, wenn
wir das Biosphärenreservat erhalten wollen.
Moderator:
Wie ich eingangs schon kurz erwähnt hatte, haben wir seit einigen Jahren einen erschreckenden
Rückgang von Biosphärenreservaten erfahren. Im Jahre 2016, also vor 24 Jahren,
gab es noch 16 Biosphärenreservate in Deutschland, heute sind es nur noch 10. Die Orte an
denen Menschen und besonders Kinder Natur erfahren können nehmen immer weiter ab.
Und obwohl die Naturerfahrung so wichtig ist, machen Sie das Biosphärenreservat durch
den hohen Preis nur noch für wenige Menschen zugänglich. Wie rechtfertigen Sie den Preis
von 100 Euro?
Gast:
Der Erhalt des Biosphärenreservats ist zunehmend teurer geworden, da wir mit vielen negativen
Umwelteinflüssen zu kämpfen haben. Unser Ziel war und ist es, das Biosphärenreservat
zumindest in Teilen so zu erhalten, wie es einmal war. Das wäre ohne sehr aufwändige
und kostenintensive Maßnahmen jedoch nicht möglich gewesen. Der Klimawandel hat
Deutschland in den letzten Jahren verändert. Unsere Landschaft, unsere Böden werden
sich immer weiter verändern. Um die historische Landschaft zumindest in Teilen aufrecht
zu erhalten, wurde vor etwa sieben Jahren die Entscheidung getroffen, um die wichtigsten
Kernzonen und die darum liegenden Pufferzonen riesige Glaskuppeln zu bauen, die einen
Gewächshauscharakter haben in dem wir das frühere Klima simulieren können.
Das Projekt wurde vor gut einem halben Jahr beendet und nun stehen drei Kuppeln im Biosphärenreservat.
Zwar wurde das Projekt vom Staat subventioniert, allerdings waren die
Kosten trotzdem enorm. Und durch den Betrieb, das heißt zum Beispiel durch die künstliche
Beregnung und Belüftung fallen stetig weiter Kosten an. Durch das Eintrittsgeld erhoffen
wir uns einen Teil der Kosten wieder reinzubekommen. Noch dazu wollen wir damit
aber auch eine Verringerung der Besucherzahl erreichen, um das Biosphärenreservat zu
schützen.
Moderator:
Sie sprachen von drei Kuppeln, die über den Kern- und Pufferzonen liegen. Früher gab es
aber mehr dieser Bereiche, oder?
Gast:
In der Tat. Es gab früher zahlreiche kleine Kernzonen, die im Biosphärenreservat verstreut
waren. Es wäre uns allerdings nicht möglich gewesen über jede einzelne Kernzone eine
Kuppel zu bauen. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschlossen, die drei Gebiete, die
die höchste Konzentration an Kerngebieten aufweisen zu ermitteln und über diese jeweils
eine große Kuppel zu bauen.
Moderator:
Sie sprachen gerade den Klimawandel an. Die Jahresmitteltemperatur ist seit dem Jahr
2010 um 3 Grad gestiegen. Die Sommer in Deutschland sind heiß und trocken, die Hitzeperioden
haben zugenommen, was sich auf die Gesundheit der Menschen auswirkt. Die Winter
jedoch sind mild und feucht. Außerdem muss das ganze Jahr über mit Starkregenereignissen
gerechnet werden. Welche Auswirkungen hat das konkret auf das Biosphärenreservat?
Gast:
Die besonders schützenswerten Gebiete werden dank der Kuppeln ja nun glücklicherweise
nicht mehr beeinflusst. Doch in den Entwicklungszonen ist der Klimawandel deutlich sichtbar.
Damals waren die Wiesen im Sommer saftig grün, heute sind sie oft kahl und ausgetrocknet.
Das fehlende Wasser im Sommer, aber auch die plötzlichen Starkregenereignisse
haben in den letzten Jahren zu immensen Ernteverlusten in der Landwirtschaft geführt.
Moderator:
Lassen Sie uns noch einmal auf die Besucher zurückkommen. Was wird den Besuchern geboten,
sollten sie bereit sein, das Geld zu zahlen? Dürfen die Kuppeln betreten werden?
Gast:
Nein, die Kernzonen stehen unter strengstem Schutz, sie dürfen nicht betreten werden.
Dem Besucher wird aber ermöglicht, die Entwicklungszone zu betreten. Hier wird auch gerade
ein Projekt geplant, welches die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft steigern soll.
Moderator:
Was ist mit Leuten, die sich die hohe Summe nicht leisten können? Wo liegt ihre Möglichkeit,
etwas über die Natur zu erfahren?
Gast:
Am Rande des Biosphärenreservates wurden sogenannte Naturerfahrungszentren errichtet,
welche für alle kostenlos zugänglich sind. Dieses Angebot wird vor allem von Schulklassen
intensiv genutzt und das auch schon bevor der Eintrittspreis veranschlagt wurde. Zur Zeit
gibt es 5 dieser Naturerfahrungszentren, sie können aber auch weiter ausgebaut werden,
sollte der Bedarf steigen. Damals hingegen gab es nur ein Naturerfahrungszentrum, nämlich
die Blumberger Mühle, welche heute immer noch besucht werden kann.
Moderator:
Wie setzt sich das Angebot dieser Zentren zusammen?
Gast:
Die Zentren sind ausgestattet mit Laptops und Lernprogrammen. Kinder können sich durch
Quizfragen, kleinen Filmen und ähnlichem spielerisch Wissen über die Natur aneignen. Zudem
sind Kameras in den Kuppeln installiert, sodass rund um die Uhr eine Live-Übertragung
aus den Kernzonen zur Verfügung steht. Das ist praktisch, da man zwischen verschiedenen
Kameras hin und her schalten kann und sich so einen guten Überblick verschaffen kann.
Wenn man Glück hat, sieht man auch schon mal ein Reh.
Moderator:
Halten Sie es wirklich für richtig, Kinder so von der wahren Natur fern zu halten? Erst letztes
Jahr ist wieder eine Studie erschienen, in der betont wird, wie wichtig der Kontakt zur
Natur für die geistige und auch körperliche Entwicklung ist. Kinder lernen sich und ihren
Körper besser einzuschätzen, wenn sie z.B. die Möglichkeit haben auf Bäume zu klettern,
sie sind kreativer und phantasievoller. Kinder, die hingegen in der Stadt aufwachsen haben
in der Schule oft Konzentrationsschwierigkeiten und sind allgemein unausgeglichener.
Das Ziel eines UNESCO-Biosphärenreservates ist es schließlich auch, die Natur FÜR den
Menschen zu erhalten. Stehen Sie damit nicht in der Pflicht, es für alle zugänglich zu machen,
gerade jetzt, wo Städte immer dichter und größer werden?
Gast:
Ich bin ganz bei Ihnen, was die Kinder und den Umgang mit Natur anbelangt. Allerdings
sehe ich hier die Politik in der Pflicht, etwas gegen den Rückgang von erfahrbarer Natur zu
unternehmen, zum Beispiel indem wieder mehr Grünflächen in den Städten geschaffen
werden.
Wir als Biosphärenreservat verfolgen viele Ziele, nicht nur dieses eine. Unser Ziel ist es
zum Beispiel auch Kulturlandschaften zu erhalten. In einer Zeit in der die Ziele in Konkurrenz
zueinanderstehen, müssen wir nun einmal abwägen.
Moderator:
Sie sprachen vorhin von einem Projekt, welches zur Ertragssteigerung in der Landwirtschaft
beitragen soll. Können Sie uns dieses Projekt näher beschreiben?
Gast:
Gerne. Das Konzept nennt sich verticle farming. Es handelt sich hierbei um eine Art Hochhauskomplex.
Es ist uns dadurch möglich, in verschiedenen Stockwerken unterschiedliche
Nahrungsmittel, wie Tomaten, Kartoffeln oder Mais anzubauen. Ursprünglich wurde das
Konzept für Städte entwickelt, da die Versorgung dort durch die zunehmende Verstädterung
immer schwieriger wird. In Metropolen wie New York und Shanghai wurde die Idee
auch schon umgesetzt.
Doch auch für unsere ländliche Region entstehen dadurch Vorteile. Zum einen haben wir
eine deutliche Ertragssteigerung auf kleinerer Fläche und zum anderen haben wir, dadurch,
dass das Ganze einem Gewächshaus gleicht viel mehr Einfluss auf die Beregnung, das Bodensubstrat
etc, wodurch Ernteschäden vermieden werden können. Langfristig gesehen
werden wir auch Geld sparen können, da die Bewirtschaftung und die spätere Ernte durch
Roboter erfolgen wird.
Mit dem Bau des Hochhauskomlexes soll in ca. 3 Monaten begonnen werden.
Moderator:
Sie haben sich in den letzten Jahren immer wieder öffentlich für die Weiterentwicklung
von kultiviertem Fleisch eingesetzt. 2013 wurde der erste Burger aus der Petrischale präsentiert.
Sein Preis betrug damals noch stolze 250.000 Euro. Heute kostet er kaum mehr,
als Fleisch aus Massentierhaltung. Und trotzdem wird nur wenig verkauft, die gesellschaftliche
Akzeptanz fehlt weitgehend. Was erhoffen Sie sich von dem Fleisch aus dem Labor
und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?
Gast:
Wir setzen uns in der Tat seit Jahren für das kultivierte Fleisch ein. Die Ernährung der
Weltbevölkerung wird immer schwieriger. Hunger gab es auf der Welt schon immer, doch so
langsam droht er auch nach Europa zu kommen. Der immer noch bestehende Fleischkonsum
war es übrigens auch, der unsere Entscheidung für das vertical farming geprägt hat.
Die Landwirtschaft muss weiter intensiviert werden, wenn wir so viele Ressourcen an Nutztiere
verfüttern. Auch die Orte, an denen früher Tiere gehalten werden konnten nehmen
ab. Früher weideten noch Demeter-Kühe auf unseren Weiden, doch das ist durch den trockenen
Boden und die teils heftigen Regenschauer nicht mehr artgerecht möglich.
Ich hoffe deshalb sehr, dass die gesellschaftliche Akzeptanz der Bevölkerung diesbezüglich
zunehmen wird.
Moderator:
Der Spiegel, spricht von der „Elite Deutschlands“ der allein der Zugang zu Biosphärenreservaten
ermöglicht wird. Wir hören, dass die Landwirte zunehmend durch Roboter ersetzt
werden.
Forscher befürchten, dass diese Kluft zwischen arm und reich immer größer werden wird.
Dass uns vor allem dadurch, dass viele Jobs in der Mittelschicht den Robotern, bzw. allgemein
der Künstlichen Intelligenz zum Opfer fallen werden, eine Spaltung der Gesellschaft
droht. Was denken Sie darüber und wo sehen Sie dabei die Aufgaben und Handlungsfelder
des Biosphärenreservats?
Gast:
Es werden natürlich Jobs wegfallen, aber es werden auch wieder neue entstehen. Ich bin
optimistisch, dass sich das die Waage halten wird. Was uns als Biosphärenreservat angeht,
so bleiben unsere Aufgaben die selben wie bisher, auch wenn die Bedingungen erschwert
sind. Wir werden unsere Naturerfahrungszentren weiter optimieren und so einen Beitrag
zur Umweltbildung leisten, auch wenn wir den konkreten Zugang zur Natur zur Zeit nicht
gewährleisten können. Wir werden das vertical farming einführen und damit zur Versorgung
der Menschen beitragen. Und wir haben mit dem Bau der Kuppeln einen wichtigen
Schritt in die richtige Richtung gemacht, da sie uns ermöglichen das frühere Landschaftsbild
zu erhalten. Wir haben in der heutigen Zeit viel mit Anfeindungen zu kämpfen, aber
ich hoffe, dass man eines Tages verstehen wird warum wir diese teilweise radikalen Schritte
gehen mussten. Das wünsche ich mir für die Zukunft.
Moderator:
Vielen Dank, dass Sie mein Gast waren. Habe mich sehr gefreut, dass ich mit Ihnen über
dieses interessante Thema diskutieren durfte.
Gast:
Vielen Dank, dass ich ihr Gast sein durfte.