Inhaltsverzeichnis
DER BEITRAG VON BIOSPHÄRENRESERVATEN ZUM ERREICHEN DER NACHHALTIGKEITSZIELE - ZIEL 11: NACHHALTIGE STÄDTE UND GEMEINDEN
L. Winker
1. Einleitung
Können Biosphärenreservate dazu beitragen, dass Städte und Gemeinden nachhaltiger werden? Um sich dem Thema zu nähern, werden im Weiteren die von den Vereinten Nationen (UN) im Jahr 2015 herausgegebenen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung von Städten und Siedlungen mit den Schutzzwecken und Funktionen von Biosphärenreservaten verglichen. Im Jahr 2017 wurden die Ziele der UN für Deutschland konkretisiert (DIE BUNDESREGIERUNG 2017). In der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie wurde ein Hauptaugenmerk auf Städte und urbane Ballungsräume gelegt (ebd.). Dahingegen wurden Gemeinden selten erwähnt. Daher beschäftigt sich dieser Text vorrangig damit, in wieweit Biosphärenreservate zu nachhaltigeren Städten beitragen können. Dies erscheint zunächst in sich widersprüchlich, da Biosphärenreservate mit ihrer stark ländlichen Prägung und städtische Ballungsräume mit einer weitgehenden Zurückdrängung der Natur kaum gegensätzlicher sein könnten. Als konkretes Beispiel für die Gegenüberstellung dient das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (BRSC) und die dort vorgesehenen Maßnahmen.
2. Ziele für nachhaltige Städte und Gemeinden
Die UN hat sich in ihren Nachhaltigkeitszielen unter anderem mit Städten und Siedlungen befasst (UN 2015). So lautet das Oberziel „Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten“ (DIE BUNDESREGIERUNG 2017: 155). Darüber hinaus werden Unterziele formuliert, die sich insbesondere mit den Problemlagen der Städte in Entwicklungsländern beschäftigen, zum Beispiel die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Slums (UN 2015). Bezogen auf die Situation in Deutschland und insbesondere in Bezug auf Biosphärenreservate sind im Wesentlichen folgende Ziele von Bedeutung:
- Zugang zu Wohnen, Basisleistungen, Transportsystemen (öffentlichen Verkehrsmittel), Grünanlagen und öffentlichen Raum für alle Menschen
- Vermeidung von wasserbedingten Katastrophen
- Verbesserung der Luftqualität
- Stärkung positiver ökonomischer, sozialer und ökologischer Verbindungen zwischen dem urbanen und dem Ländlichen Raum.
- Inklusion, Resourceneffizienz, Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel (ebd.).
3. Biosphärenreservate
Biosphärenreservate sind Großschutzgebiete, für die bestimmte Landschaftstypen charakteristisch sind (BNatschG 2009). In den Gebieten sollen historische Kulturformen erhalten und gefördert werden (ebd.). Das BRSC ist landschaftlich durch die Heide und die Norddeutsche Jungmoränenlandschaft geprägt (MLUR 1997). Außerdem sind Biosphärenreservate Modellregionen für besonders naturschonende Wirtschaftsweisen (BNatSchG 2009).
Die deutschen Biosphärenreservate liegen alle im ländlichen Raum (BFN 2017). Wenn unter den von der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie angestrebten nachhaltigen Städte und Siedlungen vor allem große urbane Siedlungsräume verstanden werden (DIE BUNDESREGIERUNG 2017), zeigt sich, dass das BRSC von diesen kaum berührt ist. Der Ballungsraum Berlin ist etwa 100 Kilometer entfernt. Im Biosphärenreservat befindet sich keine Stadt mit mehr als 3.500 Einwohnern (DESTATIS 2017). Die Region ist eine der am dünsten besiedelten in Deutschland (MLUR 1997). Daraus wird deutlich, dass sich die Maßnahmen zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele nicht ohne Schwierigkeiten auf urbane Ballungsräume übertragen lassen. Gleichwohl gibt es Ansatzpunkte an denen Biosphärenreservate zumindest teilweise zur Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN beitragen und Vorbilder für große Städte sein können.
4. Projekte und Maßnahmen, die zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele beitragen können
Die im Bundesnaturschutzgesetz für Biosphärenreservate geforderte möglichst naturschonende Lebensweise kann auch Ansatzpunkte für die nachhaltige Entwicklung von Siedlungen bieten. Dies betrifft insbesondere das Ziel, positive ökonomische, soziale und ökologische Verbindungen zwischen dem urbanen und dem ländlichen Raum zu stärken (UN 2015).
Biosphärenreservate können als Naherholungsgebiete für nahgelegene Städte fungieren und dafür sorgen, dass die Bewohner der Städte Zugang zu Grün haben. Im Fall von Schorfheide-Chorin dient das Biosphärenreservat als Naherholungsgebiet für die Bewohner von Eberswalde, Templin, Angermünde und Bad Freienwalde (Oder). Diese vier Kleinstädte grenzen an das Biosphärenreservat (LFU 2017).
Außerdem bestehen ökonomische Verbindungen zwischen dem BRSC und den umliegenden Kleinstädten sowie Berlin. Hier spielt das Ziel der Biosphärenreservate, Stärkung naturschonender Wirtschaftsweisen eine große Rolle (BNatSchG 2009). Im BRSC ist es vor allem die ökologische Landwirtschaft (MLUL 2014). Insbesondere die Nahrungsmittel finden in Berlin und den Kleinstädten an den Grenzen der Modellregion, einen wichtigen Absatzmarkt (ebd.). Nachhaltigkeitssiegel des Biosphärenreservates steigern zudem die Beliebtheit der Produkte (ebd.).
Weiterhin gibt es in Schorfheide-Chorin mehrere Projekte zur Stärkung von E-Mobilität und Erneuerbaren Energien (MLUL 2014), die auf den ersten Blick zur Erfüllung der Unterziele - Zugang zu Transportsystemen, Verbesserung der Luftqualität und Minderung des Klimawandels (UN 2015) – beizutragen scheinen. Jedoch können diese Projekte aufgrund der komplett anderen Dimensionen nicht eins zu eins auf Städte übertragen werden. Beispielsweise wird im ländlichen Raum oft überlegt, ob der Takt des öffentlichen Personennahverkehrs verringert werden soll, wegen der niedrigen Fahrgastzahlen. Dahingegen wird in vielen Städten über eine Erhöhung des Taktes nachgedacht. Außerdem ist es allein wegen der Geruchsbelastung undenkbar eine Biogasanlage in der Stadt zu errichten (PLANTA 2008).
Zudem gibt es Wettbewerbe zum regionaltypischen und klimafreundlichen Bauen (MLUL 2014). Hier tun sich sofort Fragen auf, wenn über eine Übertragung der Wettbewerbe auf urbane Ballungsräume nachgedacht wird. Was ist regionaltypisch in der Stadt? Ist es das Gleiche, wie im Umland? Wie sinnvoll ist es in urbanen Siedlungsräumen regionaltypisch zu bauen?
In einem weiteren Projekt werden eine Vielzahl von Maßnahmen zur Hebung des Grundwasserspiegels durchgeführt (MLUL 2014). Das kommt nicht nur der Biodiversität zur Gute (ebd.), sondern steigert auch längerfristig die Trinkwasserverfügbarkeit und trägt somit zur Vermeidung wasserbedingter Katastrophen bei. Auch in Städten senkt sich das Grundwasser stark ab, jedoch wegen des hohen Versieglungsgrades (HERTH 1995) und nicht wegen der vielen Entwässerungsgräben, wie im BRSC (MLUL 2014).
5. Fazit
Biosphärenreservate fördern positive ökonomische, ökologische und soziale Verbindungen zwischen dem ländlichen Raum und Städten. Des Weiteren gibt es im BRSC einige Projekte, die zur Nachhaltigkeit von Gemeinden beitragen. Allerdings gibt es diverse Schwierigkeiten bei der Übertragung der Projekte auf urbane Räume, da die Siedlungsstrukturen komplett unterschiedlich sind. Jedoch können sich Städte Biosphärenreservate insofern als Vorbilder nehmen, dass sie Themen wie E-Mobilität, Grundwasserspiegelanhebungen, klimafreundliches Bauen und erneuerbare Energien stärker bedenken und in die Realität umsetzen. Wichtig ist, dass Biosphärenreservate als Modellregionen für naturschonende Lebensweisen nicht als Ausrede genommen werden, um nachhaltige Entwicklungen im Rest des Landes zu vernachlässigen. Um die Nachhaltigkeitsziele der UN zu erfüllen und nachhaltige Städte und Gemeinden in die Realität umzusetzen, müssen nicht nur Biosphärenreservate, sondern insbesondere auch urbane Ballungsräume einen großen Teil zur Umsetzung dieser Ziele beitragen.
Literaturverzeichnis
BFN (BUNDESAMT FÜR NATURSCHUTZ) (Hrsg.) 2017: Biosphärenreservate in Deutschland – mit Zonierung. Bundesamt für Naturschutz: Bonn, 1 S.
BNatSchG (Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege - Bundesnaturschutzgesetz) i.d.F. vom 29. Juli 2009, BGBl. I S. 2542. BauGB (Baugesetzbuch) i.d.F. vom 6. August 2009, BGBl.
DESTATIS (STATISTISCHE ÄMTER DES BUNDES UND DER LÄNDER) (Hrsg.), 2017: Daten aus dem Gemeindeverzeichnis Städte in Deutschland nach Fläche und Bevölkerung auf Grundlage des ZENSUS 2011 und Bevölkerungsdichte. Statistisches Bundesamt: Wiesbaden, 2 S.
DIE BUNDESREGIERUNG (Hrsg.), 2016: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Druck- und Verlagshaus Zurbock GmbH & CO. KG: Frankfurt, 256 S.
HERTH, W., 1995: Theorie und Praxis der Grundwasserabsenkung. Ernst, Verl. für Architektur und Technische Wiss.: Berlin, 357 S.
LFU (LANDESAMT FÜR UMWELT) (Hrsg.), 2017: Karte. Online im Internet: URL: http://www.schorfheide-chorin-biosphaerenreservat.de/karte/#&g=3&k= [Stand 19.11.2017].
MLUL (MINISTERIUM FÜR LÄNDLICHE ENTWICKLUNG, UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT) (Hrsg.), 2014: Jahresbericht 2013/14 des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft: Potsdam, 131 S.
MLUR (LANDESANSTALT FÜR GROßSCHUTZGEBIETE IM GESCHÄFTSBEREICH DES MINISTERIUMS FÜR LANDWIRTSCHAFT, UMWELTSCHUTZ UND RAUMORDNUNG DES LANDES BRANDENBURG) (Hrsg.), 1997: Der Pflege- und Entwicklungsplan für das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Landesanstalt für Großschutzgebiete: Eberswalde, 207 S.
PLANTA, A., 2008: Optimale Standorte von Biogasanlagen. – Standort Volume 32: 141-146.
UN (UNITED NATIONS) (Hrsg.), 2015: Transforming Our World: The 2030 Agenda for Sustainable Development. United Nations: Paris, 41 S.
