Zukunftsfähige Schorfheide-Chorin

Ein Studierendenprojekt der Technischen Universität Berlin

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UMSETZUNG DES 15. NACHHALTIGKEITSZIEL „LEBEN AN LAND“ IM BIOSPHÄRENRESEVAT SCHORFHEIDE-CHORIN

S. Arndt

Die Schnelligkeit, mit der Arten und Lebensräume von unserem Planeten verschwinden, ist ein Merkmal dieses Zeitalters und ein Zeichen der Dominanz des Menschen auf dem Planeten Erde (TEWKSBURY & ROGERS 2014). Der zunehmende Treibhausgasausstoß, der globale Temperaturanstieg, das Schmelzen des antarktischen Eisschildes, die Erwärmung der Ozeane und die daraus resultierende Häufung von Naturkatastrophen ist eine jener globalen Kettenreaktionen, die darauf aufmerksam machen, wie sich die heutige Umwelt und damit auch die Lebensgrundlage des Menschen verändert. Diese scheinbaren Warnzeichen der Erde sollten dazu anregen neue Wege zu finden, um den Verlust der Arten- und Landschaftsvielfalt zu stoppen und eine lebenswerte aber vor allem zukunftsfähige Erde zu schaffen. 2015 beschlossen die Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele (engl. Sustainable Development Goals, im Folgenden SDG) als Zukunftsvision für einen bewussteren Umgang des Menschen mit sich und seiner Umwelt. Der Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen mit nachhaltiger Nutzung dieser werden explizit im 15. SDG „Leben an Land“ benannt. Im Weiteren heißt es auch eine nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder zu fördern (BMZ 2017). Ein Vorbild für die Realisierung solcher Ziele könnten die Biosphärenreservate (im Folgenden BR) des UNESCO (engl. United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) Programms „Man and the Biosphere“ sein. Sie sollen der Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung einer durch hergebrachte vielfältige Nutzung geprägten Landschaft und der darin historisch gewachsenen Arten- und Biotopvielfalt dienen und Modellregionen für die nachhaltige Nutzung von Naturressourcen darstellen (§ 4 Abs. 3 GVBl.II). Im Sinne dessen werden BR in eine sogenannte „Kernzone“, „Pflegezone“ sowie „Entwicklungszone“ eingeteilt (UNESCO 1996). Der Beitrag der einzelnen Zonen zum Nachhaltigekitsziel Leben an Land wird im Folgenden am Beispiel des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin (im Folgenden BRSC) dargestellt.
Die gesamte „Entwicklungszone“ im BRSC ist als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und dient dem Schutz der „Vielfalt, Eigenart und Schönheit einer typischen eiszeitlich geprägten Kulturlandschaft“ (MLUL 2017). Darüberhinaus soll die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes wiederhergestellt und erhalten werden (§4 GVBl.II). Die nachhaltige Nutzung als Teil des 15. SDG steht dabei vorallem im Vordergrund.
Das BRSC soll das größte zusammenhängende Ökolandbaugebiet Europas beherbergen (vgl. VON ASTER 2015, BLANKENNAGEL 2010). Ein Musterbeispiel sind die Projekte des Vereins „Ökodorf Brodowin“, welcher 1991 gegründet wurde, um die Dorfentwicklung, den nachhaltigen Tourismus, den Naturschutz und die Landschaftspflege zu fördern. Die Arbeit des Vereins fokussiert sich auf die Umstellung zum biologisch-dynamischen Landbau. Die Initiierung und Trägerschaft des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens „Naturschutzfachliche Optimierung des großflächigen modernen Ökolandbaus am Beispiel des Demeterhofes Ökodorf Brodowin“ zeigt die Vorbildfunktion dieser Region für eine nachhaltige Landwirtschaft. Als Ergebnis dieses Projektes wurde u.a. ein „Praxishandbuch: Naturschutz im Ökolandbau“ herausgebracht. Außerdem hat der Verein für den Naturschutz wertvolle Flächen wie Steppenrasen-Hügel und Gewässer gekauft, um sie zu pflegen und zu betreuen (GRAUMAN ET AL. 2014).
Bislang nimmt der zertifizierte Ökolandbau im BR nur 32,2% (Stand 2013) ein, während konventionelle Landwirtschaft immer noch deutlich die Mehrheit der bewirtschafteten Fläche ausmacht. Dennoch: der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche Deutschlands beträgt lediglich 6,5 % (Stand 2015, UBA 2016). Die Motivation des BR, eine Modellregion für eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen zu sein, ist anhand dieser Zahlen deutlich zu erkennen.
In der „Pflegezone“ (oder auch „Pufferzone“) sollen Erhaltungs- und Entwicklungsziele durch extensive und Ressourcen schonende Nutzungsmodelle erreicht werden. Die Pflegezone ist im BRSC als Naturschutzgebiet festgelegt (MLUL 2017). Somit werden hier, wie im 15. SDG gefordert, die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen sowie die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern durchgesetzt.
Die europäischen Buchenwälder prägen als Ökosystem den europäischen Raum in weltweit einzigartiger Weise. Sie beherbergen eine große Vielfalt von Waldgesellschaften, bestehend aus bis zu 10.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten (BRITZ ET AL. 2015). Das BRSC ist dabei für den Erhalt und Schutz von mehr als 7.000 ha Buchenwald verantwortlich. Für den globalen Naturschutz ist die Nutzung lokaler Ressourcen und integrative Ansätze für den Erhalt von Waldökosystemen gefordert, dass bedeutet Schutz und Nutzung zu verbinden (GRAUMAN ET AL. 2014).
Ein Praxisbeispiel hierfür ist das Forschungsprojekt „Umsetzung von Zielen der Nationalen Biodiversitätsstrategie in Wäldern: Untersuchung des Einflusses von naturschutzorientierter Bewirtschaftung auf Naturnähe und Biodiversität von Tiefland-Buchenwäldern“. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes untersuchten Wissenschaftler und Praktiker den Einfluss von Bewirtschaftungsmethoden unterschiedlicher Intensität auf die biologische Vielfalt in Tiefland-Buchenwäldern. Dabei wurden u. a. Bestandstrukturen, Totholzvorrat, Höhlenbäume und Pilze analysiert. Die Ergebnisse wurden im „Praxishandbuch - Naturschutz im Buchenwald: Naturschutzziele und Bewirtschaftungsempfehlungen für reife Buchenwälder Nordostdeutschlands“ zusammengetragen und vom BRSC veröffentlicht. Die 22 konkreten Handlungsempfehlungen beschreiben, wie naturnahe Elemente in den Wirtschaftswald integriert und so dieser auch zunehmend Lebensraum für anspruchsvolle Waldarten werden kann (WINTER ET AL. 2016). Als Empfehlung heißt es z.B. alle Waldentwicklungsphasen, besonders die Alterungsphasen, zu belassen und die Größe nutzungsbedingter homogener Flächen kleiner als 1 ha zu halten (WINTER ET AL. 2016).
Im Speziellen wird z. B. der Umgang mit durch starkem Wind oder Forsteinwirkungen entstandenen Rissen und Spalten in Stämmen und Ästen erläutert. Diese können sich durch Pilzeintritt zu Mulmhöhlen entwickeln (WINTER ET AL. 2016). Mulmhölen sind Schlüsselelemente für einen großen Artenreichtum im Wald, da sie Lebensraum für viele verschiedene Arten darstellen. Zudem verfügen sie über ein großes Ansiedlungspotenzial z.B. für Urwaldreliktarten (wie der Eremit, eine prioritäre Art nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie). 25% der Arten im Wald sind mit Totholz assoziiert, daher verdienen derartige einen besonderen Erhaltungsaufwand (SCHAUER ET AL. 2016).
Dieses Projekt zeigt, wie sich das BRSC um die Umsetzung der im 15. SDG genannten „Schaffung einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder“ bemüht und einheitliche Standards für die Forstwirtschaft im BR schafft.
Die „Kernzone“ des BRSC soll Raum für eigendynamische Entwicklungsprozesse geben und durch ihren Nationalpark-Charakter besonders dem Schutz und Erhalt der Lebensräume bedrohter Tier- und Pflanzenarten dienen (§4 GVBl.II). Damit erfüllt diese Zone besonders die Ansprüche des Schutzes und der Wiederherstellung von Ökosystemen des 15. SDG. Im Folgenden soll nur ein Beispiel genannt werden, an dem deutlich wird, wie sich das BR um die Umsetzung dieses Zieles bemüht:
Aufgrund der wie bereits erwähnten herausragenden Stellung des BRSC für den Erhalt von Buchenwälder wurde im Juni 2011 von der UNESCO der Buchenwald Grumsin mit 590 ha als Teilgebiet des Weltnaturerbes „Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands“ anerkannt. Er wird seinen natürlichen, eigendynamischen Entwicklungsprozessen überlassen und darf nur im Rahmen einer geführten Wanderung betreten werden (WELTNATURERBE BUCHENWALD GRUMSIN 2016 A). Zudem bestehen ein Campingverbot, die ausdrücklichen Hinweise auf Ruhe und stilles Beobachten, da Kraniche in unmittelbarer Nähe der Wege brüten könnten, ein Wegeeinhaltungsgebot und ein Parkverbot im Wald (WELTNATURERBE BUCHENWALD GRUMSIN 2016 B). Der Buchenwald Grumsin ist ein seit über 20 Jahren nicht mehr genutzter Buchenwald und besitzt eine wesentliche Bedeutung als Brutgebiet für Seeadler, Kraniche, Schwarzspecht und Schwarzstorch (WELTNATURERBE BUCHENWALD GRUMSIN 2016 A).
Im BRSC werden 47 FFH-Gebieten auf etwa 49.000 ha Fläche nach der FFH-RL der EU gepflegt. Die gesamte Kern- und Pflegezone sind als Naturschutzgebiet ausgewiesen (MLUL 2017). Diese Flächen besitzen einen besonders starken Schutzcharakter und verdeutlichen die Wichtigkeit des Naturschutzes im BR. Dennoch gibt es auch hier Defizite bei der Verwirklichung der SDG, wie z. B. Großlandbesitzer, die den Status des Biosphärenreservats und somit auch seine Verordnung nicht anerkennen (HAACK 2017, mdl. Mitt.). Desweiteren führen durch die Intensivlandwirtschaft hervorgerufene Probleme, wie der vermehrte Maisanbau für Biogasanlagen, zu einem entwerteten Landschaftsbild (GRAUMAN 2014). Ebenso werden Feuchtgebiete entwässert und Seen eutrophiert, 2/3 der 228 Seen im BRSC sind mittlerweile stark eutrophiert und fast alle Klarwasserseen sind verloren gegangen (SPERBER & THIERFELDER 2008). Trotz allem lassen sich im BRSC gute Ansätze erkennen, die teilweise auch erfolgreich umgesetzt wurden. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft noch weitere Maßnahmen für die Umsetzung der SDG „Leben an Land“ durchgeführt werden.

Literaturverzeichnis

BLANKENNAGEL, J. 2010: Zwölf Bauern in Europas größter Bio-Landbauregion retten ihre Fläche vor Großeinkäufern: Heuschrecken abgewehrt. Online in Internet: URL: www.berliner-zeitung.de/zwoelf-bauern-in-europas-groesster-bio-landbauregion-retten-ihre-flaeche-vor-grosseinkaeufern-heuschrecken-abgewehrt-15065808 [Stand: 23.11.17]
BMZ/BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT UND ENTWICKLUNG (HRSG.) 2017: Ziel 15. Online in Internet: URL: www.bmz.de/de/ministerium/ziele/2030_agenda/17_ziele/ziel_015_landoekosysteme/index.html [Stand: 16.11.17]
BRITZ, H., DIECKMANN, O., ENGELS, B., FREDE, A., GEISEL, T., GROßMANN, M., KAISER, K., KNAPP, H., LUTHARDT M., SEURING, J., 2015: Weltnaturerbe Buchenwälder. 3. Aufl., Zarbock GmbH & Co. KG: Frankfurt a. M., 27 S.
GRAUMAN, U. ET AL. 2014: Jahresbericht 2013/14 – Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft, 5, 38-42, 63 S.
GVBl.II/Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Brandenburg Teil 2 i.d.F. vom 19. Mai 2014, GVBl.II/14, [Nr. 28] HAACK, S., 2017: mündliche Mitteilung am 15.11.2017
MLUL/MINISTERIUM FÜR LÄNDLICHE ENTWICKLUNG, UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT (Hrsg.) 2017: Naturschutz. Online in Internet: URL: www.schorfheide-chorin-biosphaerenreservat.de/unser-auftrag/naturschutz/ [Stand: 17.11.17]
Schauer, B., Obermaier, S., Feldhaar, H., 2016: Artenvielfalt, Nahrungsnetzwerke und Ausbreitungsdistanzen von Mulmhöhlen bewohnenden Arthropoden (LWF Projekt L56). Universität Bayreuth und Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung
SPERBER, G., THIERFELDER, S. 2008: Urwälder Deutschlands. 3. Aufl., Blv Buchverlag, 128 S. S.TEWKSBURY, J., ROGERS, H., 2014: An animal-rich future. – Science: 1 S.
UBA/UMWELTBUNDESAMT (HRSG.) 2016: Ökologischer Landbau. Online in Internet: URL: www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/oekologischer-landbau [Stand: 17.11.17]
UNESCO (HRSG.) (1996): Biosphärenreservate. Die Sevilla-Strategie und die Internationalen Leitlinien für das Weltnetz. - Bundesamt für Naturschutz, Bonn, S. 20 - 21
VON ASTER, E., 2015: Biosphärenreservat – Herpizide in Bio-Fenchel. Online in Internet: URL: www.deutschlandfunk.de/biosphaerenreservat-herbizide-in-bio-fenchel.697.de.html?dram:article_id=335275 [Stand: 17.11.17]
A WELTNATURERBE BUCHENWALD GRUMSIN (HRSG.) 2001: Wer ist Grumsin?. Online in Internet: URL: www.weltnaturerbe-grumsin.de/?page_id=520 [Stand: 17.11.17]
B WELTNATURERBE BUCHENWALD GRUMSIN (HRSG.) 2016: Hinweise für einen entspannten Waldgenuss – Wir sind alle Gäste im Wald. Online in Internet: URL: http://www.weltnaturerbe-grumsin.de/?page_id=492 [Stand: 17.11.17]
WINTER, S., BEGEHOLD, H., HERRMANN, M., LÜDERITZ, M., MÖLLER, G., RZANNY, M., FLADE, M. 2016: Praxishandbuch: Naturschutz im Buchenwald - Naturschutzziele und Bewirtschaftungsempfehlungen für reife Buchenwälder Nordostdeutschlands. 2. Aufl., Hrsg.: Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, 36, 90-92 S.

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